blind
 

Quelle: APS,
Tageszeitung 7.1988 (KStA od. KR)

 

10 Jahre Elektr. Strom in Unterurholz zur Startseite ... Seite zurück ...

 

Vor genau zehn Jahren wurde Unterurholz an die Zivilisation angeschlossen
Einsamkeit und Strom
Siedlung blieb trotzdem im Dornröschen-Schlaf — Unrentable Versorgung
Von Andreas Martin

Mechernich-Unterurholz   — 23. JUli 1988.
Wenn Gertrud und Siegfried Meyer aus Unterurholz früher fernsehen wollten, war das immer mit Unpässlichkeiten verbunden: Unregelmäßig flimmerten die Bilder über die schwarzweiße Mattscheibe, direkt hinter dem Haus röhrte der Benzin-Generator, und oft genug war mitten in der spannendsten Szene plötzlich der Tank leer. Vor genau zehn Jahren wurde diesem Zustand endlich abgeholfen, denn am 6. September 1978 ging die Drei-Häuser-Siedlung in der Nähe von Lorbach endlich ans Netz.

Letzte Kerze ausgelöscht

Es war ein großer Tag für Unterurholz. Stadtdirektor Rosen, Bürgermeister Giesen, Lorbachs Ortsvorsteher Schumacher — alle waren auf den Pflugberg gekommen, um mitzuerleben, wie das letzte Loch im Stromversorgungsnetz des Kreises gestopft wurde. „Endlich“, freute sich Michael Schumacher, „wird diese kleine Siedlung aus dem Dornröschenschlaf erweckt.“
Der inzwischen verstorbene Direktor der Kreis-Energie-Versorgung Schieiden (KEV), Alfred Thiel, durfte danach die letzte Kerze mit dem Hammer auslöschen. Dahinter stand ein tieferer Sinn: Mit dem berühmten Satz „In Unterurholz wird das Licht noch mit dem Hammer ausgemacht“ hatte sich der damalige Mechernicher SPD-Chef Peter Schüller im Kreistag immer wieder für eine Stromleitung stark gemacht.
Mittlerweile ist die Energie aus der Steckdose für die Familien Haas, Schnichels und Meyer längst zur Selbstverständlichkeit geworden. Doch „die erste Zeit haben wir fast jedes Wochenende gefeiert“, erinnert sich Gertrud Meyer. Schließlich blieb ja nun zum Feiern auch mehr Zeit:
Omas Waschbrett wurde durch eine Waschmaschine abgelöst, der Teppichdackel durch einen Staubsauger, die Gaslampen durch Glühbirnen. Und auch der propangas-betriebene Eis­schrank wurde alsbald in die Ecke gestellt.

Kopf geschüttelt

Die Meyers zogen 1969 von Köln in die hochgelegene Einsiedelei. Ihre Freunde aus der Domstadt schüttelten nur den Kopf:
Keine   Wasserleitung,   kein Strom, kein Telefon. „Anfangs fanden wir das romantisch“, erzählt sie. „Doch vor allem im Winter war es sehr lästig, sich immer im eiskalten Keller waschen zu müssen. Das Wasser mussten wir vorher mit Eimern von einer Quelle herbeiholen.“ Anfang der 70er Jahre erkämpften sich die Unterurholzer die Wasserleitung, zwei Jahre später kam das Telefon ins Dorf. Gleich 30 Telefonmasten musste die Post dafür aufstellen.
Doch der Strom kam eben erst später. Und bis dahin musste die heute  60jährige  das  Wort „Waschtag“ wörtlich’ „nehmen:
Von morgens bis abends kochen, stampfen, rubbeln, spülen, wringen... Dabei war es nicht einmal ein außergewöhnlicher Aufwand, die drei Haushalte anzuklemmen. Denn nur einen Steinwurf vom Haus der Meyers entfernt stand schon lange ein Hochspannungsmast, der nur angezapft werden musste. Dieser „Ausbau des vorhandenen Gitternetzes durch 450 Meter Freileitung“, wie es in schönstem Amtsdeutsch   heißt,   kostete 32.000 Mark, die voll von der Stadt Mechernich übernommen wurden.
„Bei der KEV“, erinnert sich Peter Schüller, „standen zunächst wirtschaftliche Aspekte im Vordergrund.“ Noch heute ist dort von „unrentabler Versorgung“ die Rede, denn die Kilowattstunde ist in Unterurholz eigentlich nicht die berechneten 18,8 Pfennig, sondern 70 Pfennig teuer. Dem SPD-Chef gelang es jedoch, die KEV-Oberen von seinen Plänen zu überzeugen.
Am Netz liegt Unterurholz, wie gesagt, volle zehn Jahre, doch ganz aus dem „Dornröschenschlaf erwacht ist der Weiler trotzdem nicht. „Nur wenn die Waldbeeren reif sind“, sagt Gertrud Meyer, „ist hier oben Betrieb.“ Und im Winter macht Mechernichs kleinster Stadtteil seinem Ruf als „Klein-Sibirien" immer noch alle Ehre: Wenn Schnee liegt, geht nichts mehr.
Trotzdem haben die Meyers ihren Umzug noch nicht bereut. Ganz im Gegenteil: In einer „fremden, hektischen, zugebauten“ Großstadt könnten sie „nicht mehr leben“. Auch die Kinder und Enkelkinder kommen jedes Wochenende in die Eifel. Ständig wohnen aber, bedauert Gertrud Meyer, wollen sie wohl nicht auf dem abgelegenen Flecken. Wie überhaupt ganz   Unterurholz   (Durchschnittsalter: über 60!) Nachwuchsprobleme hat. Denn wer will schon in eine der einsamsten Eifel-Siedlungen — selbst wenn es dort Strom gibt?

Omas Waschbrett hat längst ausgedient, doch vor 10 Jahren musste Gertrud Meyer jede Woche darauf rubbel.

 
Omas Waschbrett hat längst ausgedient, doch bis vor zehn Jahren musste Gertrud Meyer jede Woche darauf rubbeln.

 

 

 

 

© Design, Grafiken, Bilder, Texte, Sounds: Hubert Schmitz, Lorbach (HSL). Ansonsten Angabe des jeweiligen Autors, des Bildeigentümers, der Quelle.
Bei Fehlangaben bitte ich um Mitteilung.